Montag, 12. November 2007

Prozess gegen den mutmaßlichen korsischen Terroristen Yvan Colonna

Heute beginnt vor einem Pariser Schwurgericht der Prozess gegen einen mutmaßlichen korsischen Terroristen Yvan Colonna, Dem 1960 in Ajaccio geborenen Schäfer wird zur Last gelegt, am 6. Februar 1998 den korsischen Präfekten von Südkorsika, dem ranghöchsten Vertreter des französischen Zentralstaats auf der Insel, Claude Erignac, ermordet zu haben. Acht Mitglieder der mutmaßlichen Terrorgruppe wurden bereits in den Monaten nach dem Anschlag verhaftet und 2003 zu langen Haftstrafen verurteilt. Nur Colonna blieb nach dem Attentat flüchtig und wurde erst im Juli 2003 beim Ziegenhüten in den Bergen von Cargèse in Westkorsika verhaftet. Seine Verhaftung hatte einen großen symbolischen Wert - schließlich sollte auf Korsika 2 Tage danach in einer Volksabstimmung über eine umfangreiche Reform der politischen Institutionen auf Korsika abgestimmt werden. Initiator der Reform, die knapp am Votum der Korsen scheiterte, war der damalige Innenminister Nicolas Sarkozy, heute Präsident des französischen Zentralstaats. Erst letzte Woche hatte Sakozy eine außerordentliche Kabinettssitzung in Ajaccio einberufen, die von einem mutmaßlichen Attentat überschattet wurde.
Der Prozeß vor dem Pariser Sondergericht, das ausschließlich für Terrorismusprozesse zuständig ist, wird von politischen Einflussnahmen, zahleichen Ungereimtheiten, vermeintlich erzwungenen Geständnissen und verwirrenden Beweisführungen überschattet. Beobachter der Internationalen Menschenrechtsliga (FIDH) werden deshalb den Prozess verfolgen. Wie die Tageszeitung Libération berichtet, wurden auf Korsika inzwischen 33.000 Unterschriften gesammelt, die sich für eine „Unschuldsvermutung“ aussprechen, da sie Colonna bereits als vorverurteilt und Geisel der stattlichen Autorität sehen. Das Urteil im Prozess gegen Colonna soll am 12. Dezember fallen.

Links zum Thema:
Les Dernières Nouvelles d'Alsace : Colonna vor Gericht
Libération: Yvan Colonna face à ses juges

Bernhard Schmid: Was ist los auf Korsika? Ökonomie, Politik und Widerstände in einer “Sonderzone" der französischen Politik (von 2003)

Text: Timo Gerd Lutz

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Weitere Hintergrundinformationen liefert heute die NZZ aus Zürich:

http://www.nzz.ch/nachrichten/startseite/suehne_fuer_ermordung_eines_korsika-praefekten_1.583823.html

(...) Belastung und Widerruf
Sechs Angehörige des Mordkommandos, dem Erignac zum Opfer gefallen war, wurden bereits vor vier Jahren verurteilt, zwei von ihnen zu lebenslänglicher Haft. Zwei Hintermänner der Mordtat wurden hingegen vor anderthalb Jahren nach einem Berufungsverfahren freigesprochen. Die vier rechtskräftig verurteilten Komplizen, die Colonna als Mordschützen bezeichnet hatten, widerriefen inzwischen ihre Aussagen. Einer von ihnen, der zu lebenslänglich Gefängnis verurteilt worden war, bezichtigte sich nach der Verhaftung Colonnas sogar selber der Untat. Die insgesamt fünf Anwälte des jetzigen Angeklagten suchen diese Selbstbezichtigung sowie den Widerruf der anderen Zeugenaussagen als Beweis der Unschuld ihres Mandanten zu nutzen. Erignacs Ermordung hatte auf Korsika eine Welle des Protestes seitens der Bevölkerung gegen diese Eskalation der Gewalt ausgelöst; niemals zuvor war ein Präfekt, höchster Repräsentant der französischen Staatsautorität in einem Département, in Friedenszeiten umgebracht worden.

Die damalige Empörung erscheint nun weitgehend verflogen; unzählige Figuren der korsischen Nationalisten-Szene versicherten jetzt im Gegenteil Colonna ihrer Sympathien und ihrer Unterstützung. Der mutmassliche Mörder wurde teilweise geradezu zu einem Märtyrer und Nationalhelden hochstilisiert. Er steht übrigens auch unter Anklage wegen eines Überfalls auf einen Gendarmerieposten in Pietrosella vom September 1997, bei dem die Tatwaffe für die Ermordung des Präfekten entwendet worden war.

Ende einer Blamage
Die Ohnmacht des französischen Rechtsstaates während Colonnas Flucht von über vier Jahren vor der polizeilichen Fahndung hatte eine Blamage sondergleichen bedeutet. Rivalitäten unter diversen Polizei- und Justizdiensten, Protektion des nationalistischen Untergrundnetzes und nicht zuletzt das merkwürdig erfolglose Vorgehen der damaligen sozialistischen Regierung, die nach dem flüchtigen Attentäter intensiver in Lateinamerika als auf Korsika fahnden liess, hatten zu dem Fiasko beigetragen.
(...)